Interviews 2004 Douglas McCarthy zur Übersicht

Hallo allerseits, am vergangenen Wochenende hatte ich die Gelegenheit, fuer das Groove-Magazin (www.groove.de) ein kleines Telefoninterview mit DMC über den Status von NEP, seine Koproduktionen mit Terence Fixmer etc. zu führen. In der Printausgabe des Groove wird darüber leider nur ein sehr kleines Exzerpt erscheinen, aber ich wollte Euch die Gelegenheit geben, die "Langversion" (ggf. auch noch mit dem einen oder anderen Rechtschreibfehler) auf Eurer Seite reinzubringen, quasi als Fan-Support.....

Beste Gruesse JD

Herzlichen Dank an Jochen Ditschler
 

 

Nachgespürt: Nitzer Ebb



"The positive side of aggression leads to a new kind of delight – Nitzer, Skinny and 242, few examples that speak for you." Hey, das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, handelt es sich doch um ein O-Zitat von Sven Väth aus dem ersten Off-Album back in 1988. Wie wohl kaum eine andere Band haben Nitzer Ebb in der Ursuppe elektronischer Tanzmusik zum Ende der Achtziger das wahrgemacht, was der Terminus "Electronic Body Music" versprach. 1983 von den damals noch minderjährigen Briten Bon Harris und Douglas McCarthy gegründet, generierten die beiden frei nach den Vorbildern von DAF und Killing Joke revolutionär reduzierte Verbalagitationen in einer schweißgetränkten Zahnrad-Mechanik. Hatte Kraftwerk vor allem die "Menschmaschine" der keimfreien Roboterwelt vor Augen, zelebrierte Nitzer Ebb die Entfremdungdes Industrialismus mit weitaus mehr hedonistischer Dirtyness. Und ließen einem die Begeisterung, mit denen man sich in den Stakkatobeats von "Let Your Body Learn", "Join In The Chant", "Murderous" oder "Control I´m Here" verlieren konnte, fast schon ein bisschen unheimlich erscheinen. Kein Wunder, dass sich diese Tracks auch heute noch in den Cases traditionsbewusster Techno-DJs wiederfinden und so manche Produktion von Thomas P. Heckmann oder Green Velvet sind ohne diese Referenz kaum zu erklären. Knapp 10 Jahre nach dem fünften und letzten Studioalbum "Big Hit" stehen Nitzer Ebb derzeit in vielerlei Hinsicht wieder im Blickpunkt. Daniel Millers Mute-Label veröffentlicht auf Novamute immer mal wieder NE-Remixversionen von Heckmann, Phil Kieran oder LFO, bringt aber im Mai unter dem Titel "Body Of Work" auch eine umfangreiche Retrospektive auf Doppel-CD und DVD heraus. Der in die USA emigrierte Bon Harris werkelt mit Unterstützung von Marilyn Manson an einem Comeback und wird sein "Maven"-Debütalbum noch im April veröffentlichen. Und Douglas McCarthy hat sich mit dem bekennenden französischen EBM-Modernisierer Terence Fixmer (u.a. "Muscle Machine", International Deejay Gigolo) kurzgeschlossen und wird nach einer ersten EP ("Destroy/Freefall" auf Fixmers Planete Rouge-Label) Ende Mai ein ganzes Album über SPV vorlegen. Groove unterhielt sich mit dem inzwischen 37jährigen Douglas McCarthy über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer der wichtigsten Innovatoren elektronischer Musik.
 
GROOVE:
Was hast Du eigentlich seit dem letzten Nitzer Ebb-Album "Big Hit" (1995) gemacht?
 
DOUGLAS:
Nitzer Ebb hatten sich nach "Big Hit" in New York getrennt mit der unausgesprochenen Absicht, uns bald für einige Shows und Festivalauftritte in England und Europa zu treffen. Meine damalige Frau war schwanger und stand kurz vor der Entbindung, also verließ ich die Band und kehrte heim nach Detroit. Seitdem haben wir nie mehr miteinander gesprochen. Ich habe dann zwei Jahre überhaupt nichts gemacht, nur ein bisschen geschrieben und in den Tag hinein gelebt. Dann wurde mein Vater schwer krank und ich bin wieder zurück nach England. Da meine Eltern in der Nähe von Cambridge lebten, bin ich direkt nach Cambridge gezogen und habe dort an der Uni ein Design- und Filmwissenschaftsstudium begonnen, zugegebenermaßen als ziemlich alter Student. Aber mir hat das richtiggehend Spaß gemacht, und seit dem Abschluss des Studiums arbeite ich seitdem als freiberuflicher Designer und Filmemacher für Commercials und Promotion. Vor ca. zwei Jahren hat mich dann Terence über Mute kontaktiert. Wir haben uns in London getroffen und er hat mir einige Songs vorgespielt, die ich zum Teil zwar richtiggehend schlecht fand, aber einige Stücke hatten einfach etwas und wir haben deshalb beschlossen, es gemeinsam im Studio zu versuchen. Aus den ein bis zwei Stücken sind mittlerweile zwölf geworden, da wir einfach sehr gut zusammenarbeiten können und einen gemeinsamen Sinn für Humor und kreative Herangehensweise teilen. Wir haben das Album mittlerweile fertiggestellt, das noch im Mai herauskommen wird und danach wollen wir auf Tour gehen. Was war sonst noch: Ich bin inzwischen geschieden, hatte aber ansonsten eine schöne Zeit.
 
GROOVE:
Wie kommt man eigentlich als 15jähriger in Essex dazu, ein Band zu gründen, die auf minimale elektronische Musik setzt? Was waren da Eure Vorbilder?
 
DOUGLAS:
Zunächst waren wir einfach an jeder Form von alternativer Musik interessiert, die Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre im Gefolge von Punk auf den Markt kam. Ich war mir eigentlich schon als Zwölfjähriger sehr darüber bewusst, welche Musik ich mag und welche nicht. Wir haben uns dann sehr viele Bands angesehen, Siouxsie and the Banshees, die frühen Adam and the Ants, Bauhaus, Killing Joke oder The Birthday Party, insofern war ich ursprünglich viel stärker an gitarrenlastiger Musik interessiert. Ich hatte zwar auch einige Kraftwerk-Alben zuhause, die ich vom Sound her mochte, die mir aber einfach nicht genug Energie transportierten. Und dann hörten wir das erste DAF-Album "Die Kleinen und Die Bösen", und das hat mit einem Schlag alles verändert. Insofern standen wir zwar noch in der Tradition des britischen Alternative-Rocks, aber klangtechnisch vor allem in der Schuld von DAF, Malaria oder Die Krupps. Und natürlich mochten wir auch alte Disco-Stücke, gerade von Donna Summer. Für uns war es einfach sehr naheliegend, diese ganzen Einflüsse zu einem eigenen Sound zusammenzuführen, das war schließlich auch, was wir selbst hören wollten.
 
GROOVE:
Nitzer Ebb stand schon immer für eine sehr zornige Musik, so eine punk-inspirierte Sichtweise von "angry young men". Woher kam dieser Zorn?
 
DOUGLAS:
Wir kommen ja ursprünglich aus einer kleinen Stadt in Essex, ca. 25 Kilometer östlich von London, wo die meisten Leute in der Stadt arbeiten und nur zum Schlafengehen heimkehren. Da herrscht schon eine ziemliche Apathie, und wenn Du mehr vom Leben möchtest als am Freitagabend nach Deinem Bankjob in einen Pub zu gehen und Dich volllaufen zu lassen, bist Du auf Dich selbst gestellt. Insofern resultierte diese Wut aus den gleichen Beweggründen wie aus denen des Punk heraus, einfach ein bisschen zu schockieren und zu verängstigen. Aber vor allem waren wir junge Leute, die auf die Langeweile und die kleinbürgerlichen Strukturen zuhause sauer waren. Aber wenn ich jetzt die Produktionen mit Terence Revue passieren lasse, gibt es zwar einige softere Passagen, aber überwiegend ist das schon ziemlich harter Stoff. Da ist wohl immer noch eine ganze Menge Aggression in mir, einen gehörigen Widerwillen gegenüber den Konformitätsvorstellungen der Gesellschaft, wie ich mich verhalten sollte. Da hat sich auch heute wenig gegenüber meiner Einstellung als Siebzehnjähriger geändert, als wir die erste Nitzer Ebb-Platte herausbrachten. Vielleicht sollte ich da mal ernsthaft mit jemandem darübe reden ...
 
GROOVE:
Wart Ihr eigentlich in der ganzen Acidhouse-Clubszene drin und wie wichtig ist heute für Dich der Club als musikalischer Bezugspunkt?
 
DOUGLAS:
Als wir unser zweites Album "Belief" produzierten, gingen wir oft Freitag nachts ins Astoria in London. Ich habe dort Andy Weatherall die erste Testpressung von "Control I´m Here" in die Hand gedrückt. Gerade in London wurden damals viele Nitzer Ebb-Stücke gespielt, nicht nur "Join in the chant", sondern auch "Hearts and Minds" und generell viele der von Flood koproduzierten Songs. Mir hat mal jemand gesagt, dass er nie näher an Gott herangekommen ist als 1988, als er in einem Londoner Club auf Ecstacy "Join in the chant" gehört hatte. Aber auch heute gehe ich noch regelmäßig in Clubs. Gerade aktuell gibt es in London das "Nag Nag Nag", und das atmet immer noch diese Atmosphäre einer gegenseitigen Bereicherung von Elektronik und Punk, sehr sehr cool. England hat ja schon immer in Sachen Clubmusik eine Sonderrolle gespielt, und ich genieße dieses Punk-Element total. Und als Dave Clarke vor kurzem im Nag Nag Nag war, hat er als letzte Platte "Destroy" von der ersten Fixmer/McCarthy-EP aufgelegt und die Leute müssen absolut verrückt gespielt haben, so hat er es zumindest mir erzählt.
 
GROOVE:
Wenn man sich rückblickend Eure Alben ansieht, gab es ja einen immer deutlicher werdenden Hang zu einer Verbreiterung des Sounds hin zu Rock-Elementen, der ja von nicht wenigen Eurer Fans nie ganz verstanden wurde. Wer war da bei Euch die treibende Kraft?
 
DOUGLAS:
Wahrscheinlich ging die Initiative zunächst von mir aus. Wir verbrachten damals viel Zeit in Amerika, ich hörte viele Sachen wie zum Beispiel das erste Jane´s Addiction-Album, eher traditionell instrumentierter Rock mit einer definitiven Aussage. Aber nach einer gewissen Zeit hatten wir beide das Interesse, Nitzer Ebb in diese Richtung zu bewegen, wir gingen ohnehin immer sehr demokratisch an unsere Produktionen heran. Wahrscheinlich hatten wir uns zum Schluss wirklich ein bisschen verrannt und hätten uns generell weniger Zeit für unsere Musik nehmen sollen. So haben wir zuviel Zeit im Studio an den einzelnen Stücken verbracht, und das hat, glaube ich, auch ein bisschen unsere Kreativität zerstört, die Fähigkeit, zusammen innovative Musik zu schaffen. Andererseits wäre ich heute nicht in der Lage, diese Musik zusammen mit Terence zu machen, wenn ich nicht sämtliche Ideen mit Nitzer Ebb hätte vollenden können. Ich weiß heute viel klarer, was ich musikalisch erreichen möchte und was nicht. Mit Terence arbeite ich da sehr bewusst an einer sicherlich erkennbaren Reminiszenz zu den ersten beiden Alben von Nitzer Ebb. Terence und ich sind jedenfalls absolut zufrieden mit dem Album und würden da auch überhaupt nichts daran ändern wollen, und ich hoffe, zumindest einige Zuhörer werden diese Ansicht teilen.
 
GROOVE:
Hast Du noch Kontakt zu Bon und hattest Du schon mal Gelegenheit, in sein "Maven"-Album hereinzuhören?
 
DOUGLAS:
Wir haben nur einen sehr sporadischen E-Mail-Kontakt. Ich kenne auch seine Maven-Produktionen noch nicht. Ich hatte mal versucht, mir auf seiner Website ein paar Songs herunterzuladen,aber das scheint irgendwie nie zu funktionieren.
 
GROOVE:
Siehst Du eine Chance für ein Nitzer Ebb-Revival bzw. hättest Du überhaupt ein Interesse daran?
 
DOUGLAS:
Ich kann mir echt nicht vorstellen, dass das noch einmal passieren kann. Um ehrlich zu sein, würde es wohl sehr schwierig werden, eine gemeinsame Gesprächsbasis zu finden. Zum Ende von Nitzer Ebb hin hatten wir uns zu sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickelt, und ich denke, wir haben uns seitdem eher noch weiter voneinander entfernt. Ich möchte die Idee eines Nitzer Ebb-Revivals zwar nicht hundertprozentig ausschließen, aber ich wäre extrem überrascht, wenn Bon daran noch irgendwie interessiert wäre.
 
GROOVE:
Warst Du bei der Auswahl der aktuellen Nitzer Ebb-Remixer wie Phil Kieran,
LFO oder Thomas Heckmann beteiligt oder generell in die "Body Of Work"-Retrospektive eingebunden?
 
DOUGLAS:
Nein, in keiner Weise. Mute sind da ein bisschen seltsam. Vor anderthalb Jahren war ich mit Daniel Miller zu einem Essen verabredet. Wir hatten damals über das Compilation-Projekt gesprochen und ich hatte ihm dabei vorgeschlagen, doch eine DVD zu machen, da wir aus all den Jahren eine ganze Menge Footage von uns beiden haben, seien es nun Videos, Live-Mitschnitte oder sonstige Clips, aus denen man eine schöne Dokumentation machen könnte, ein tieferer Einblick gerade in die Liveperformances von Nitzer Ebb. Wir sprachen da auch über die Kooperation von Terence und mir und dann passierte ... Nichts! Daniel antwortet nicht mehr auf meine Anrufe, und auch auf die Kopie unseres Fixmer/McCarthy-Albums erfolgte keine Reaktion seinerseits. Ich verstehe das alles nicht, vielleicht ist er ja aus mir nicht bekannten Gründen sauer auf mich, aber derzeit gibt es null Kontakt.
 
GROOVE:
Und gibt es noch Verbindungen zu Alan Wilder und den verbliebenen Mitgliedern von Depeche Mode?
 
DOUGLAS:
Ich werde tatsächlich demnächst wieder einige Zeit mit Alan Wilder verbringen. Aber mit den übrigen Jungs von Depeche Mode ist das schon etwas schwieriger. Das letzte Mal, als ich Dave gesehen habe, war im Rahmen seines Liveauftritts in London und da ist er direkt nach dem Ende des Konzerts ins Hotel gefahren. Aber ich bin mir sicher, wenn wir mal in New York spielen, wird er bestimmt vorbeischauen. Und mit Martin ist das aufgrund der Tatsache, dass er ja in Kalifornien lebt, noch etwas komplizierter.
 
GROOVE:
Wie würdest Du rückblickend die Rolle von Nitzer Ebb für die Explosion elektronischer Tanzmusik in den Neunziger Jahren bewerten?
 
DOUGLAS:
Nitzer Ebb waren ein integraler Bestandteill all dessen, was Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger nicht nur in Europa, sondern auch in Detroit oder Chicago passierte, da dort Leute wie Marshall Jefferson oder Derrick May regelmäßig Nitzer Ebb spielten. Sicherlich waren auch Kraftwerk oder Depeche Mode wichtige Einflussgrößen, aber Nitzer Ebb standen immer mehr für eine besondere Energie, die irgendwo aus dem einem eher live-geprägten Kontext heraus entstand, mit einem eher "menschlichen" Gefühl. Das hat bei vielen Leuten die Einstellung zu der ja immer als eher kühl konnotierten elektronischen Musik verändert. Man brauchte nicht mehr vier Jungs und Gitarren, um eine "heavy Show" durchzuziehen. Als Terence und ich vor wenigen Wochen unsere erste gemeinsame Live-Performance in Barcelona hatten, war der Club voll mit jungen Leuten, die zu der Zeit, als wir unser letztes Nitzer Ebb-Album herausbrachten, vielleicht neun oder zehn Jahre alt waren. Die kannten also den ganzen historischen Background nicht und trotzdem war die Begeisterung, die dort über uns hereingebrochen ist, schon fast schockierend und hat mich sehr an die Zeit erinnert, als wir unsere ersten Auftritte als Nitzer Ebb hatten. Clubgänger heutzutage gehen ja meistens wegen des Deejays in den Club und rechnen nicht mit einer sprichwörtlichen Live-Performance. Und dann Terence und mich live performen zu sehen beinhaltet wieder diese Idee eines Crossovers aus rock-induzierter Energie und purer Elektronik. Und dieses gelinde Schockelement verbindet uns wieder mit den Anfangstagen von Nitzer Ebb.
 
GROOVE:
Werdet Ihr nur Eure neuen Produktionen performen oder auch altes Nitzer Ebb-Material?
 
DOUGLAS:
Wir haben schon in Barcelona "Let Your Body Learn" eingebaut, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Terence diesen Titel kürzlich ja bereits remixed hatte und es auch für mich interessant war, in welcher Form Terence den Originalsound weiterentwickelt hat. Aber das hat wirklich gut getan und deshalb denken wir darüber nach, bei unseren nächsten Performances vielleicht noch ein Nitzer-Stück einzubauen.
 
GROOVE:
Du bist jetzt 37 Jahre alt. Wenn Du heute noch einmal als 15jähriger eine musikalische Karriere starten müsstest, würdest Du wieder elektronische Musik machen wollen?
 
DOUGLAS:
Absolut. Wenn ich die Chance hätte, würde ich heute alles noch einmal genauso machen. Mit all den damit verbundenen Ups and Downs, den Drogen und den Frauen, einfach Alles!
 

Ende

 

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