Interviews 1995 Douglas McCarthy zur Übersicht

Das folgende Interview führte Jörg Uhlenbruch im Frühjahr 1995 mit Douglas McCarthy im Auftrag des New Life Soundmagazines. Mit freundlicher Genehmigung von Jörg Uhlenbruch aka Niggels @ www.electrofixx.de
 

 

NITZER EBB
Big Hit oder Big Flop?

Viele können es immer noch nicht glauben: Nitzer Ebb sind zurück! Die alten Heroen aus vergangenen EBM-Zeiten,die ganze Scharen junger Bands beeinflußt haben und die in ihren Anfangszeiten mit ihrem Sound und vor allem auch Outfit und Auftreten neben Front 242 den Electronic Body Music-Prototypen schlechthin darstellten. Wer erinnert sich nicht gerne an Smasher wie Murderous, Let Your Body Learn, Control I'm Here oder Getting Closer (letzterer stellt den, übrigens mit weiten Abstand,bei den Fans beliebtesten NE-Track überhaupt dar, wie eine Umfrage des ehemaligen NE-Fanzines Murderous News herausstellte). Doch die alten Zeiten sind vorbei!So groß die Freude über die Rückkehr Nitzer Ebb's auch sein mag, das neue Album Big Hit wird vielen alten Fans schwer im Magen liegen. Schlägt es doch eine völlig andere Richtung ein als alle anderen Werke der Band. Nitzer Ebb waren schon immer eine Band, die mit jedem Album sich gewandelt haben und dabei keinerlei Rücksicht auf die Erwartungen der Fans genommen haben. Jene brauchten immer eine gewisse Zeit, um sich an den veränderten Sound einer neuen Scheibe zu gewöhnen. Man erinnere sich nur an die Single Lightning Man, deren Jazz- und Ragtime-Einflüsse viele Fans zunächst verstörten. Ein Jahr später war das Stück dann aber einer der Hits im Live-Set NE's. Besonders krasse Reaktionen rief das 91er-Album Ebbhead hervor. „Nitzer Ebb sind tot!“ war nur einer der Aussagen, die man damals von enttäuschten Fans zu hören bekam. Ebbhead war seiner Zeit zu sehr voraus und löste sich von jeglichen EBM - beziehungsweise Electro-Klischees.  Bezeichnenderweise wurde Ende '92 bei oben erwähnter Umfrage der Murderous News Ebbhead hinter Belief zum zweitbesten Album der Band gekürt - mit erstaunlich eindeutigen Abstand zum Kult-Debüt That Total Age! Wie dem auch sei, das neue Album Big Hit, welches nun endlich nach zahllosen Verzögerungen erscheint, war für New Life Grund genug, um Sänger Douglas McCarthy in Isernhagen in den heiligen Hallen von Radio FFN zu treffen. Jedenfalls hätte es so sein sollen, aber ich konnte nicht ahnen, daß der Nabel der norddeutschen (Radio-)Welt im Nirgendwo an einer  niedersächsischen Landstraße liegt. Für Leute, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, ist das ziemlich tötlich. Da hier am A... der Welt die Busse maximal einmal pro Stunde fahren und auch niemand bereit war, einen lederbejackten, kurzhaarigen Anhalter mitzunehmen (...zu gefährlich...?!), kam ich mit gehöriger Verspätung am schmucken FFN-Häuschen an. Den Panikschweiß auf der Stirn rannte ich hinein und fragte nach Nitzer Ebb, als ich hinter mir die vorwurfsvolle Stimme der romoterin hörte: “Na, kommst Du auch noch mal?“ Als ich mich umdrehte sah ich neben der jungen Dame auch gleich Douglas. Ich hatte ihn überhaupt nicht erkannt und war eiskalt an ihm vorbeigelaufen! Mit seinen kurzen, roten Haaren Marke „Ketchupexperte“ sah er aber auch ganz anders aus als das letzte Mal, als ich ihn sah (da hatte er noch achsellange, dunkle Haare). Peinlicherweise erkannte Doug mich, zu meinen allergrößten Erstaunen, sofort! Da Doug inkl. der netten Promoterin gerade zum Hauptbahnhof Hannovers wollte, mußte ich das Interview spontan im Taxi machen, was zusammen mit meiner bärigen Erkältung und der Müdigkeit von der langen Reise daraus keine leichte Sache machte. Aber halb so wild, Douglas (der Mann mit dem anscheinend elephantösen Gedächtnis, he, he) stellte sich als sehr sympathischer und redseliger Gesprächspartner heraus. Auf der Fahrt über Niedersachsens Landstraße erzählte er mir einiges über Drummer, die man in Cafès aufreißt, die Vorzüge einer Gitarre und warum sich die kommende Tour auch für alte Fans lohnen wird. Aber lest selbst:

NEW LIFE:
Douglas, was war eigentlich der Grund für die enorm lange Pause zwischen der Ebbhead und dem neuen Album?

DOUGLAS:
Ja, das war wirklich eine enorm große Pause! Als wir Ebbhead beendeten wußten wir sofort, daß wir ein Album nicht wieder so machen werden, daß wir vor Computern sitzen und versuchen, die Dinge klingen zu lassen. Das war so ein langer Prozess, daß es unsere Kreativität störte. Wir wußten also, daß wir das nächste Album von der Seite herangehen würden, daß wir lernen, richtige Instrumente zu spielen. Nach dem Ende der Ebbhead-Tour hatten wir etwa einen Monat frei, danach fing ich an zu lernen, wie man Gitarre spielt. Bon konnte ja bereits Bass spielen. Dann gingen wir in ein Rehearsalstudio in London zusammen mit Julian Beeston, unseren damaligen Drummer. Aber es hat mit ihm nicht ganz geklappt, also haben wir ihn gefeuert. Danach haben wir an dem neuen Material gearbeitet und auf Al Clay und Flood gewartet, die das neue Album produzieren sollten. Wir gingen in ein Studio nach Chicago,weil wir ein wirklich gutes Angebot bekomen hatten. Kostete uns nicht allzuviel Geld. Also waren wir,Al Clay und der Drummer von den Pixies, Dave Louvrin, im Studio. Allerdings hat es mit Dave auch nicht so gut funktioniert, deshalb haben wir ihn auch gefeuert. Mit dem Studio hatten wir auch so unsere Schwierigkeiten. Wir hatten enorme technische Schwierigkeiten im Studio! Al Clay schlug vor, nach L.A. zu gehen in ein Studio wo er an den Pixies-Alben damals gearbeitet hatte. Wir haben aber erstmal Weihnachten `92 eine Pause eingelegt und im Januar `93 sind wir dann nach Los Angeles gegangen. Zu der Zeit waren also schon 6 Monate vergangen, seitdem wir angefangen hatten und wir hatten immer noch nur Demos. Im Studio in L.A. arbeiteten sowohl Al Clay als auch Flood mit uns zusammen. Wir kamen dann irgendwann an einem Punkt, wo wir Al Clay herauswarfen. Wir mochten ihn einfach nicht mehr.

NEW LIFE:
Warum denn das?

DOUGLAS:
Nun, äh...wohl wegen der seltsamen Art, wie wie Musik machen. Wir erschaffen einen Song und bringen ihn zu einem Punkt, wo er sehr voll und eingängig klingt. Und dann zerreissen wir ihn in Stücke und veruchen dann die essentiellen Elemente zu finden, die ihn gut machen und reduzieren ihn darauf. Es war sehr schwer für Al, sich an diese Arbeitsweise zu gewöhnen, so daß es für uns unmöglich wurde, mit ihm zu arbeiten. Bald darauf mußte Flood zurück nach England, um ein Album von Curve zu mixen und auch um an einer U2-EP zu arbeiten. Aus der EP wurde dann das Album Zooropa!! Ursprünglich wollte er nur für ein paar Wochen weg, zum Schluß waren es dann aber einige Monate! in der Zwischenzeit zogen wir in ein neues Haus und fanden einen neuen Drummer. Meine Frau stellte uns dem Kerl vor. Er servierte damals Kaffee in einer Coffee Bar in Hollywood! Er kam dann zu unserem Haus und hatte Spaß an dem was wir taten und zog dann auch ins Haus mit ein. Wir waren dann in der Situation, wo Jason, unser neuer Drummer, ich und Bon jeden Tag früh aufstanden und die Songs probten, auf sehr traditionelle Art. Ich spielte Gitarre, Bon den Bass und Jason spielte akustische Drums. So verbrachten wir die Zeit, bis Flood wiederkommen sollte, als er mit U2 fertig war. Aber als Flood die Arbeit beendet hatte, war es schon Juni und wir hatten das Haus für nur noch wenige Wochen gemietet. Also arbeiteten wir an den Songs und machten dann eine Pause. Ein Jahr war nun vergangen, seit dem wir das Projekt begonnen hatten und wir hatten immer noch nur Demos! Wir zogen dann in ein anderes Haus, das sehr weit weg war von allem war, in Lake Tahoe in Nevada. Hier haben wir uns wirklich auf die Arbeit konzentriert und haben eine Menge Material aufgenommen. Das meiste vom Album wurde dort aufgenommen. Als wir in Tahoe fertig waren gingen wir zurück nach London, weil Mute Records allmählich etwas nervös wurden, wieviel Zeit und Geld wir mittlerweile schon verpulvert hatten. Sie wollten näher am Projekt dran sein. Wir beendeten die Aufnahmen dann endlich im März 1994. Es war wirklich ein langer Weg, den wir da hinter uns hatten.

NEW LIFE:
Ja, eine sehr komplizierte Geschichte! Aber warum kommt das Album denn erst jetzt raus, ein Jahr nach Ende der Aufnahmen. Ich hörte die LP sei zunächst für Herbst `94 geplant gewesen. Warum die weiteren Verzögerungen?

DOUGLAS:
Ja, die Plattenfirma!!! Für uns wäre es viel besser gewesen, wenn wir das Album letztes Jahr veröffentlicht hätten. Während dieser langen Phase haben wir nur Geld verloren, aber keins verdient, weil wir nicht getourt sind und keine Platten verkauft haben. Das ging sogar so weit, daß ich im letzten Jahr ein paar Jobs machen mußte, um die Miete bezahlen zu können! Ich war eine zeitlang Gärtner, dann habe ich als Türsteher in einem Club in Detroit gearbeitet und den Leuten Tickets verkauft. Es wäre also für uns viel besser gewesen, hätte Mute das Album letztes Jahr herausgebracht, aber das ist wahrscheinlich auch ein Teil des Music Business.

NEW LIFE:
Wahrscheinlich habt Ihr auch viele Fans verloren, weil die Pause so lang war.

DOUGLAS:
Ja, vielleicht.

NEW LIFE:
Ich denke schon. Nun, was hat sich denn für Euch beim neuen Album hauptsächlich verändert? Wie würdest Du die Veränderung beschreibden?

DOUGLAS:
Nun, da gibt`s zwei Dinge. Erstmal die Texte. In Bezug auf die Texte sind wir viel offener geworden, die Texte sind persönlicher geworden, so daß die Leute einen besseren Eindruck davon bekommen, wer wir eigentlich, als Individuen, sind. Was die Musik angeht, so haben wir als wir die Band gründeten Elektronik benutzt, weil wir dachten wenn wir uns erst hinsetzen würden und Instrumente spielen lernen müßten, daß das ein langer Prozess sein würde. Das hätte sich mit unserer Kreativität nicht vertragen. Wir kamen aber an einen Punkt, wo genau das umgekehrte eintraf. Das war halt so zu der Zeit, als wir Ebbhead beendeten. Die Technologie störte nun unsere Kreativität. Der Prozess und die Zeitspanne, um ein Stück zu vervollkommnen wurde zu lang für uns. Die größte Neuerung für uns in musikalischer Hinsicht war, daß wir die Songs auf Gitarren schrieben und spielten.

NEW LIFE:
Du hast gesagt, die LP sei persönlicher geworden. Ein gutes Beispiel scheint mir hierfür das Stück Boy zu sein, den Du offensichtlich für Deinen Sohn geschrieben hast.

DOUGLAS:
Während der Aufnahmen zum Album, nein, eigentlich schon gegen Ende der letzten Tour, wurde ich von meiner Frau geschieden. Ich habe zwei Kinder mit ihr, und mein Sohn war damals noch sehr jung, er ist immer noch recht jung, aber damals war er so etwa ein Jahr alt. Ich wollte ihm einfach zeigen, ihm beweisen, wie sehr ich ihn geliebt habe, immer noch liebe und das er immer noch sehr viel für mich bedeutet. Eine Art, ihm das zu zeigen, war diesen Song zu schreiben, im dem ich quasi zu ihm spreche.

NEW LIFE:
Seltsamerweise war das erste, was ich dachte als ich den Song hörte: Ist das wirklich Douglas, der da singt?

DOUGLAS:
(lacht) Ja, ja, das bin tatsächlich ich, der da singt!

NEW LIFE:
Erstaunlich! Beim Refrain hört man tatsächlich dich heraus, aber während der Strophen singst Du wie ein völlig anderer. Mein Kompliment zu dieser Wandlungs- fähigkeit. Zum neuen Drummer: War er mehr Session-Drummer oder ist er jetzt vollwertiges Mitglied Nitzer Ebb`s und hat er somit einen Einfluß auf den neuen Sound gehabt?

DOUGLAS:
Jason ist ein ziemlich junger Kerl. Er war erst 20, als er zu uns stieß. Aber er spielt schon Drums seitdem er 5 Jahre alt war! Seine Ausbildung war klassische Percussion und Jazz, er hatte also eine ganz andere Einstellung zur Musik als ich und Bon. Ich denke, daß an einigen Stellen des Albums das ganz deutlich zum  Vorschein kommt. Zum Beispiel beim Stück Living Out Of A Bag, welches ein regelrechtes Aufeinanderprallen aller unserer verschiedenen musikalischen Identitäten und Ideen darstellt.

NEW LIFE:
Ihr ward ja immer schon sehr an Jazz- und vor allem Bluessachen interessiert. man erinnere sich nur an die Showtime! Nun, ich denke bei Nitzer Ebb gibt es auch die Tendenz, daß ihr von Album zu Album ruhiger werdet. Wird das nächste Album, krass formuliert, nur noch aus Balladen bestehen?

DOUGLAS:
Ha, ha! nein, ich denke, daß auf einer sehr oberfächlichen Ebene die Songs weniger intensiv und nicht so aggressiv wirken, aber hinter dieser Oberfächlichkeit gibt es in den Lyrics und mit dieser Strangeness der Musik immer noch die selbe Intensität. Wir sind halt auch älter geworden und unsere Ansichten und Ausdrucksformen haben sich verändert. Als Fünfzehnjährige waren wir sehr verwirrt und wütend über die Dinge, die um uns herum passierten. Nun werde ich dieses Jahr 29 und meine Ansichten über das Leben haben sich sehr verändert. Es ist nur natürlich, daß die Musik das repräsentiert, was wir als Menschen sind. Ich denke, die Aggression ist immer noch da, sie ist nur auf einem anderen Level.

NEW LIFE:
Tatsächlich finden einige auch einige Big Hit recht „noisy“, andere halten sie für sehr ruhig. Ich denke, daß beides irgendwie stimmt. Wie steht es eigentlich mit Cherry Blossom, daß vorab schon als CD-Single veröffentlicht wurde, allerdings nicht auf Mute?!?

DOUGLAS:
Das war nicht von uns veröffentlicht worden, sondern von einem Typen aus Schweden, ohne unsere Einwilligung. Es ist also ein Bootleg!

NEW LIFE:
Genauso wie Get Clean?

DOUGLAS:
Get Clean war auch ein Bootleg, aber von Leuten, mit denen wir in den Anfangstagen der Band zusammengearbeitet haben.

NEW LIFE:
Stichwort Power Of Voice Communications?

DOUGLAS:
Ja, aber Cherry Blossom war etwas Separates, es kam aus Schweden..äh, ich weiß nicht von wem....

NEW LIFE:
Dann ist Kick It also die erste reguläre Single aus Big Hit. Was wird die nächste?

DOUGLAS:
I Thought!

NEW LIFE:
Waaas?? Ausgerechnet einer bei den alten Fans umstrittensten Songs des Albums!

DOUGLAS:
Ja, findest Du?

NEW LIFE:
Ja, klar. Ich hätte eher auf Here Me Say getippt, würde bestimmt besser ankommen!

DOUGLAS:
Ja, meinst Du?

NEW LIFE:
Ich habe Big Hit bisher einigen Leuten vorgespielt und Here Me Say war neben Kick It der Song, den alle auf Anhieb richtig klasse fanden.

DOUGLAS:
Ja, wenn Du das sagst, koppeln wir Here Me Say auch noch aus (lacht).

NEW LIFE:
Wie sieht das denn mit dem Konzept der nächsten Tour aus?

DOUGLAS:
Wir haben jetzt noch einen weiteren Gitarristen dabei, John. Er hat vorher in einer Art Electro-Noise-Band gespielt, die uns auf der letzten Tour in Amerika supportete. Er hat seine Band aufgelöst und da wir mit ihm gut befreundet sind, ist er jetzt mit dabei. Er wird bei vielen Stücken Gitarre spielen, ich werde bei einigen Stücken auch Gitarre spielen, Bon wird des öfteren zum Bass greifen, aber auch Percussion und Keyboards bei anderen Songs spielen. Die Art, wie wir die Konzerte herangehen werden, sieht so aus, daß wir durch unsere Alben chronologisch gehen werden. Bei Big Hit ist es sehr einfach, die Stücke nur mit Gesang, Gitarre, Bass und ein paar Samples zu präsentieren, weil so das Album ja auch gemacht wurde. Bei Ebbhead und Showtime, wo wir keine Gitarren benutzt hatten, können wir recht leicht Gitarren einbauen, da da wir damals Samples und Synthesizer benutzten, die wie Gitarren klangen. Aber bei Belief und That Total Age wollen wir nicht das ursprüngliche Konzept zerstören. Wenn wir Stücke wie Control oder Let Your Body Learn spielen, gehen wir exakt zu der Spielweise zurück, mit der die Stücke damals auch gemacht wurden. Das heißt dann: John spielt nicht Gitarre, sondern Percussion. Bon wird nicht Bass spielen, sondern Percussion. Ich werde singen und Jason wird im Stehen drummen, wie wir das immer schon gemacht haben.

NEW LIFE:
Also werden wir keine neuen Versionen der alten Songs hören?

DOUGLAS:
Einige alte Stücke werden wir vielleicht etwas verändern, aber Stücke wie Control I'm Here oder vor allem Murderous und Let Your Body Learn sind so pur, daß sie etwas verlieren würden, wenn man andere Musik hinzufügt. We don`t want to fuck them up!

NEW LIFE:
Den Rest des Jahres verbringt ihr also auf Tour?

DOUGLAS:
Ja, wir fangen am 18.April im UK an. Die Europa-Tour wird dann in Russland beendet.

NEW LIFE:
In Russland??

DOUGLAS:
Ja, in Russland, bis zum 07. Juli. Danach geht`s nach Amerika, obwohl wir im August eine Pause einlegen werden. Meine Frau erwartet für August ein Baby und Bon wird dann heiraten. Ab September werden wir also für den Rest des Jahres touren.

NEW LIFE:
Ihr tourt also wieder in Russland? Das ist ja sehr interessant, denn ihr ward ja schon während der Ebbhead-Tour drüben. Und es soll ja die reine Katastrophe gewesen sein!

DOUGLAS:
Nun, es war nicht unbedingt eine Katastrophe. Wir haben nur nicht damit gerechnte, daß es um die Wirtschaft dort so schlecht bestellt ist, wie sie im Endeffekt war. Die Probleme fingen schon an, wenn Du einfach nur etwas Essen willst. Als wir dort waren, war es sehr deprimierend. Ich fühlte mich noch nie in meinem Leben so weit weg von zu Hause, von meinen Freunden und meiner Familie! Aber wenn wir jetzt zurückblicken, war es doch eine tolle Erfahrung. Diesmal haben wir auch einige
Vorkehrungen getroffen. Zum Beispiel fliegen wir unser Equipment nicht mehr zu den Gigs sondern fahren es mit uns herum, damit nicht wieder alles verloren geht und wir die ganze Ausrüstung dabei haben, wenn wir sie brauchen.

NEW LIFE:
Und das Publikum kennt Euch dort drüben?

DOUGLAS:
Ja, unbedingt! Dort gibt es ein System, daß in jeder Stadt vielleicht nur 5 CD's von uns im Umlauf sind, aber die Leute nehmen diese auf Tape auf und verteilen diese. Natürlich sind das Bootlegs, aber mir ist es lieber, daß die Leute überhaupt unsere Musik hören können, anstatt ein paar Bucks hinterher zu heulen.

NEW LIFE:
Ich habe mal gehört, daß ihr in Osteuropa als „die kleinen Brüder von Depeche Mode“ bekannt seid...

DOUGLAS:
(lacht sich halb tot) Wirklich? Nun, wir haben zwei mal mit Mode getourt und Alan hat Ebbhead produziert....aber kleine Brüder von Depeche, hahaha...In Russland haben wir mal ein Video-Interview gemacht, die haben uns nur nach Mode ausgefragt. In Prag und Budapest haben wir jedenfalls ein tolles Publikum. Da kennt uns jeder und wir spielen vor mehreren Tausend Leuten!

NEW LIFE:
Habt Ihr denn noch Kontakt zu Depeche Mode?

DOUGLAS:
Ja, klar. Sie machen etwas Pause nach der letzten, sehr langen Tour. Momentan schreibt Martin einige Songs. Ich glaube, sie bereiten sich darauf vor, auch weiterhin Depeche Mode zu sein.

NEW LIFE:
Da wir gerade über andere Bands sprechen. Morgen bist Du ja bei den Krupps im Studio. Hattet ihr damals bei Machineries Of Joy nicht etwas Ärger miteinander?

DOUGLAS:
Das war nichts persönliches! Das Management der Krupps schuldete uns wegen des gemeinsamen Projekts noch ein bißchen Geld. Aber Jürgen ist ein sehr netter Kerl...

NEW LIFE:
Die Krupps sind ja auch sehr in Richtung Gitarre gegangen. Du hattest mal in einem anderem Interview gesagt, daß es schwerer wäre, mit Synthesizern emotionale
Musik zu machen, weshalb Ihr auch nun Gitarren einsetzen würdet. Das ist eigentlich etwas, mit dem ich gar nicht einverstanden bin. Ich denke, man kann gerade mit elektronischen Mitteln sehr emotionale Musik machen, schon allein weil das Klangspektrum theorisch fast unbegrenzt ist. Das Synthie-Musik kalt und emotionslos ist, ist doch eher ein Vorurteil aus dem Lager vergreister Rock-Hippies. Äußerungen in dieser Richtung hätte ich von einer Band wie Nitzer Ebb nicht erwartet.

DOUGLAS:
Moment, es ist nicht unmöglich, emotionale Musik mit Electronics zu machen. Aber mit Gitarren ist es viel einfacher, vor allem in frühen Phasen des Songwritings. Du kannst eine bestimmte Stimmung nur mit einer akustischen Gitarre und Gesang rüberbringen. Wenn Du z.B.den Refrain härter klingen lassen willst, schlägst Du die Akkorde etwas härter, wenn es softer sein soll, eben umgekehrt. Aber wenn Du den Song geschrieben hast und weißt, wie er klingen soll, dann ist es Zeit, die Elektronik heranzuziehen um die Atmosphäre zu verstärken. Im Prinzip entstand so das Album.

NEW LIFE:
Viele Fans nehmen Euch es ja sehr übel, daß ihr nun Gitarren einsetzt und Euch immer mehr vom ursprünglichen Sound entfernt. Ich meine, es ist ja kein Geheimnis, daß 90% Eurer alten Fans von den neuen Sachen enttäuscht sind.

DOUGLAS:
Tatsächlich? Nun, es gibt genügend Bands, die heute den Sound machen, den wir vor 5 Jahren gemacht haben. Gerade in Deutschland! Die alten Fans sollten sich dann diese anhören. Wir machen die Musik immer noch zuerst für uns selber. Einige Fans werden uns folgen, andere nicht. Wir denken darüber nicht allzu viel nach.

NEW LIFE:
Einige Leute behaupten, Ihr hättet zu viel Pearl Jam und Red Hot Chili Peppers
gehört und hättet Euch deswegen so verändert...

DOUGLAS:
That`s stupid?

NEW LIFE:
Beim Murderous News-Poll, bei dem ihr ja witzigerweise auch mitgemacht habt, habt ihr aber exakt diese beiden als Favourite Bands angegeben...

DOUGLAS:
Mit denen haben wir nichts geneinsam! Unser Sound war zwar immer etwas funky, aber anders als die Chili Peppers. Die neuen Pearl Jam-Sachen mag ich wirklich nicht und die Chili Peppers sind eh nur noch ein Witz. Sie haben schon so lange kein Album mehr gemacht (und das aus dem Munde eines Mannes, dessen Band dreieinhalb Jahre auf ihr Album warten liess! Anm. d. Verf.) und sie sind so furchtbar reich. Sie sind längst nicht mehr so wichtig, wie sie mal waren.

NEW LIFE:
Ja, aber es wäre nett, genauso viele Platten zu verkaufen wie sie!

DOUGLAS:
Wäre nicht schlecht!

NEW LIFE:
OK, der Vergleich zu den Chilis hinkt gewaltig. Ich denke, Euer Verständnis von Funk wird durch einen Satz auf dem Cover der Control-Maxi besser verdeutlicht: "New Funk Brutalism“.

DOUGLAS:
Ja, das stimmt, wir wollten immer viel Aggression in die Musik stecken. Heute ist das aber viel subtiler.

NEW LIFE:
Was ist denn an den Gerüchten dran, Ihr wolltet ursprünglich ein pures Akustik-Album machen, was aber von Mute abgelehnt wurde?

DOUGLAS:
Es gibt einige Stücke auf Big Hit, die wir rein akustisch aufgenommen hatten. Our Own World war zunächst nur Akustikgitarre, Gesang und Drums! Aber wir haben Samples drauf gepackt.

NEW LIFE:
Zum Abschluß die obligatorische Frage: Was bringt die Zukunft?

DOUGLAS:
Wir sind sehr glücklich mit dem Album und wir sind auch sehr glücklich mit uns als Band, mit vier Leuten. Ich denke, wir werden in ähnlicher Weise wie Big Hit fortfahren.

NEW LIFE:
Ok, thanx!  

Ende

 

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