Interviews 1993 Douglas McCarthy zur Übersicht

Das folgende Interview führte  Armin Johnert  1993 mit Douglas McCarthy im Auftrag von New Life. © New Life Electromagazin.
 

 

Beavis: "This band rocks! Are this the RED HOT CHILLI PEPPERS?" Butthead: "No, it's the RED NITZ EBBY PEPPERS. Huh Huh".
 
"These Guys are cool! They get all the chicks" werden Beavies & Butthead das neue Nitzer Ebb Video kommentieren, wenn es denn voraussichtlich Anfang 1994 auf MTV laufen wird. Ob dann in 120 Minutes oder Headbangers Ball gezeigt wird, können wir auch nach diesem Interview, dass wir im Spätsommer mit Douglas via Telefonleitung nach LA-California führten, nicht mit Bestimmtheit sagen. Tatsche ist, dass die Band, die mit ihrem spartanischen Post DAF Techno, Generationen von Musikern beeinflusst hat und zu deren Stakkato Sequenzen einst Sven Väth, Talla und DJ Dag gemeinsam im Dorian Gray den Pogo erfanden (später auch Agreppo oder EBM genannt), das elektronische Equipment in die Ecke gestellt hat und sich für die revolutionäre Besetzung: Bass, Gitarre und Schlagzeug auf der Bühne in Pose schmeissen wird. Müde von der angeblichen Emotionslosigkeit begibt man sich somit auf die Suche nach mehr Menschlichkeit und Wärme und begibt sich auf den Weg "back to the roots".... "Wir waren immer Fans von Birthday Party"

Das inzwischen an alte Nitzer Ebb erinnerende Analogsequenzen wieder in der Tekknoszene auftauchen, und diese Musik, Hardtrance genannt, zu den angesagtesten Stilrichtungen unter tschuggernen Tschabos (so nennt man in Frankfurt Members der Tekknoszene) gehört, ist den Jungs natürlich in LA entgangen. Auch wenn jetzt manch alter Fan, der den neuen NEP Sound ablehnen wird, was man niemanden verdenken kann, wehmütig zur alten "That Total Age" greifen wird, sollte auch dieser bedenken, dass Musiker sich verändern müssen. Denn nichts ist tödlicher für einen Künstler als der kreative Stillstand und das hundertfache reproduzieren der immer wieder gleichen Idee.

Letzteres natürlich nicht vom finaziellen Standpunkt aus betrachtet, denn markttechnisch sind, wie wir wissen, meist diejenigen erfolgreich, die über Jahre hinweg stets denselben Song kopieren. Phil Collins singt uns mehrmals täglich auf allen deutschen Radiosendern sein Lied davon...
 
NEW LIFE:
Hallo Douglas, wie geht es Dir in LA?
 
DOUGLAS:
Oh ziemlich gut, danke! Für wen machst Du dieses Interview?
 
NEW LIFE:
Es ist für New Life. Du kannst Dich sicher noch an das alte New Life erinnern von Sebastian Koch - nun nachdem ich Frontpage vor etwa 1 Jahr verlassen habe, weil es sich in ein reines Rave Magazin entwickelt hatte, rief ich mit Freunden das New Life wieder ins Leben. Du weisst sicher, dass wir immer große Fans von Euch gewesen sind und natürlich wollen unsere Fans wissen, was Euch bewogen hat, nach LA umzuziehen?
 
DOUGLAS:
Wir wollten England verlassen, nicht mehr dort leben und unser neues Album nicht mehr dort aufnehmen. Wir waren von England müde und versuchten unser Glück in Chicago. Aber es klappt nicht besonders dort, vorallem im Studio - so zogen wir um nach LA und kauften uns dort ein Haus und richteten uns ein Studio ein. Nun konnten wir im eigenen "House" am neuen Nitzer Ebb Longplayer arbeiten.
 
NEW LIFE:
Was hat Euch an Eurer Heimat (UK) gestört?
 
DOUGLAS:
It sucks (huh huh). Es ist einfach deprimierend, dort zu leben. Alles zerfällt und passt nicht zu dieser Selbsteinschätzung, die sehr viele Engländer prägt.
 
NEW LIFE:
Die USA sind ja auch das Land, in dem Ihr am erfolgreichsten seid. Hat das Eure Entscheidung, England zu verlassen, stark beeinflusst?
 
DOUGLAS:
Ja, sicher haben wir hier unsere meisten Fans und verkaufen am meisten Alben. Aber das war nicht unbedingt ausschlaggebend für unsere Auswanderung. Der Hauptgrund ist die "Atmosphäre von Freiheit", die wir hier spüren. Was nicht heißen soll, dass wir an diesen Bullshit glauben, "America is the greatest democracy in the world". Was uns gefällt, ist die unglaubliche Größe und die Vielzahl unterschiedlicher Menschen in diesem Land. Die Chancen auf Leute zu treffen, die sich auf demselben gefühlsmässigen Niveau bewegen wie wir, sind einfach grösser.
 
NEW LIFE:
Euer letztes Album "Ebbhead" und die Single "Goghead" waren Eure größten Erfolge, auch in England. Hat das nicht Eure Einstellung gegenüber England verändert?
 
DOUGLAS:
Nun, wir haben ja nichts gegen unsere Fans dort. Wir fühlen uns all unseren Fans verpflichtet und sind jedem dankbar, der unsere Platten kauft und unsere Konzerte besucht - wir stehen diesen Menschen gegenüber in einer gewissen Verantwortung; aber trotzdem fühlen wir uns dennoch wohler in den USA als in England.
 
NEW LIFE:
Seid Ihr im nachhinein zufrieden mit dem "Ebbhead" Album?
 
DOUGLAS:
Ja schon. Das hat aber nichts mit Verkaufszahlen oder Chartspositionen zu tun, sondern nur mit der Tatsache, dass wir das Album musikalisch mochten. Andererseits wussten wir schon damals, dass dieses die letzte Nitzer Ebb Platte sein wird, die so produziert wurde, dass Bon und ich auf der Bühne vor den Computern stehen müssen. Wir haben lange nur zu zweit versucht, mehr Gefühl in unsere Musik zu bringen und sind mit "Ebbhead" an unsere Grenzen gestossen - wir haben so viel Zeit damit verschwendet, um dann zu entdecken, dass es viel leichter geht, wenn man mit anderen Musikern zusammenarbeitet und mehr Livesachen aufnimmt. Mit dem neuen Album wird es einen drastischen Wechsel geben - es wird mehr die Liveband Nitzer Ebb sein, die ein Album einspielen wird, nicht programmieren...Bon wir Bass spielen, ich Gitarre und wir haben einen richtigen Drummer.
 
NEW LIFE:
Das klingt interessant...
 
DOUGLAS:
Wir machen zur Zeit viele Sessions, spielen zusammen und erarbeiten Songs - später, im Laufe des Jahres werden diese Songs, deren Gefühle wir zur Zeit erarbeiten, aufgenommen. Ausserdem versuchen wir, dieses neue, mehr menschliche Bandgefühl mit der alten elektronischen Arbeitsweise zu kombinieren.
 
NEW LIFE:
Werdet Ihr die alten Songs umarrangieren oder einfach nicht mehr spielen?
 
DOUGLAS:
Wir werden auf jeden Fall die alten Songs spielen und ja, es kann sein das wir sie umarrangieren.
 
NEW LIFE:
Also ist es nicht so, dass Ihr Euch nun völlig von Euren elektronischen Wurzeln entfernt habt?
 
DOUGLAS:
Naja, es ist schon ziemlich drastisch: das Konzept, dass die Songs von Computern gesteuert werden und wir nur darüber singen und ein wenig Livedrums spielen, wird ersetzt werden. Andererseits stehen wir unter Zeitdruck, weil das Album im Februar 1994 erscheinen soll und wir einige Songs, die wir im Studio live aufnehmen werden, auf der Bühne noch mit Computerunterstützung gespielt werden müssen, weil die Zeit nicht reichen wird, alles genügend zu proben.
 
NEW LIFE:
Es gibt aber noch keine Single oder fertige Songs über die Du Näheres erzählen möchtest?
 
DOUGLAS:
Alle Titel, die aufs Album kommen werden, sind schon geschrieben. Aber wir haben Mute noch nichts vorgespielt und wir entscheiden mit Ihnen zusammen, welche unsere Singles werden.
 
NEW LIFE:
Gibt es einen oder mehrere Lieblingssongs auf der neuen LP?
 
DOUGLAS:
Ja, natürlich. Aber das bedeutet nicht, dass dieser eventuell auch als Single veröffentlicht wird - da spielen auch kommerzielle Überlegungen der Plattenfirma eine Rolle.
 
NEW LIFE:
Wie würdest Du Eure Musik beschreiben, in welche Richtung gehen die Songs?
 
DOUGLAS:
Ich denke, es wird vorallem leichter für den Hörer sein, die Gefühle zu verstehen, die wir mit unseren Songs ausdrücken werden.
 
NEW LIFE:
Werdet Ihr mehr in die Bluesrichtung gehen, die ihr ja schon auf den letzten beiden Platten etwas stärker eingeschlagen habt?
 
DOUGLAS:
Nein. Es wird wieder solche Element geben, aber es wird kein konzeptionelles Album - jeder Song steht für sich. Wir wollen uns auch nicht wiederholen und solche Bluestitel aufnehmen, wie es schon auf "Ebbhead" gegeben hat.
 
NEW LIFE:
Werdet Ihr mehr nach Metal klingen wie z.B. Front 242 auf Religion?
 
DOUGLAS:
Ich habe das noch nicht gehört...
 
NEW LIFE:
Klingt mehr nach Nine Inch Nails oder Ministry...?
 
DOUGLAS:
Nein! Definitiv nicht!
 
NEW LIFE:
Wird es funkiger klingen? Ein bischen wie die Red Hot Chilli Peppers, die Ihr ja sehr schätzt?
 
DOUGLAS:
Wir mögen den amerikanischen Alternative Rock schon sehr lange und eine unserer wichtigsten Einflüsse, als wir anfingen Musik zu machen, kamen von The Birthday Party. Für uns hat das aber nie bedeutet, dass wir versuchen, diesen Sound zu kopieren und so ist es auch heute noch. Ich denke die neue Platte wird funkiger klingen in dem Maß, wie wir das Wort Funk verstehen. Aber es wird keine neue Red Hot Chilli Peppers Platte werden. Vielleicht geht es ein bischen in diese Richtung.
 
NEW LIFE:
Was hältst Du von Remixen?
 
DOUGLAS:
Nun, wenn die Plattenfirma meint, es müsste welche geben, um unbedingt mehr Platten verkaufen zu können, dann ist es schwer sich dagegen zu verschließen. Ich bin aber nie besonders begeistert gewesen von irgendwelchen Danceremixen unserer Songs.
 
NEW LIFE:
Wen würdet Ihr mit Remixen beauftragen?
 
DOUGLAS:
Flood. Weil er auch wieder die neue Platte produzieren wird. Er hat manchmal sehr gute Ideen einen Song zu interpretieren. Ebenso Barry Adamson und Daniel Miller, vielleicht George Clinton, er hat gute Arbeit bei alten Mixen geleistet.
 
NEW LIFE:
So, Flood hat ein bischen Zeit gefunden um Euch zu produzieren?
 
DOUGLAS:
Er ist ein unglaublich beschäftigter Mensch und wir sind sehr froh, dass er Zeit für uns hat, weil wir sehr innig mit ihm befreundet sind.
 
NEW LIFE:
Ich kann mich erinnern, dass Ihr bei "Ebbhead" etwas sauer auf ihm ward, weil er zuviel Zeit mit U2 verbracht hat und sich nicht genügend um Eure Platte gekümmert hat?
 
DOUGLAS:
Ja, das stimmt. Deshalb haben wir diesmal alles lange im voraus geplant, sodass nichts dazwischen kommen wird.
 
NEW LIFE:
Ein letzte Frage. Du erwähntest, Ihr habt einen neuen Drummer...?!
 
DOUGLAS:
Ja, sein Name ist Jason Paint. Er stammt aus LA und wir drei sind im Moment Nitzer Ebb. Es wird ein paar Sessionsmusiker geben, aber im Großen und Ganzen sind wir drei es.
 
NEW LIFE:
Ich wünsche Euch noch viel Spaß bei den Aufnahmen und wir sind sehr gespannt auf die neue Platte - leider ist es ja noch eine ziemlich lange Zeit, die wir ausharren müssen...!
 
DOUGLAS:
Es ist auch für uns zu lang, aber das Warten wird sich lohnen!
 

Ende
 

 

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